HGG.2019-12

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HGG.Kommentare

Anmerkungen zu Georg Quaas

Georg Quaas stellt in den Mittelpunkt seiner Kritik [Q1] meiner Arbeit [G1] mein Konzept, dass eine Weiterentwicklung arbeitswerttheoretischer Ansätze zur adäquaten Beschreibung technologisch getriebener ökonomischer Praxen auch Aspekte einer Produktionsfaktorentheorie aufnehmen muss. Es kann an dieser Stelle dahingestellt bleiben, ob eine so weiterentwickelte Theorie noch als "Arbeitswerttheorie" durchgeht, wenn der Fokus auf die Frage gerichtet wird, welche grundlegenden Auswirkungen auf ein polit-ökonomisches Theoriengebäude in Marxscher Tradition das Postulat hat, von menschlicher Arbeit nicht allein als "Verausgabung einfacher Arbeitskraft, die im Durchschnitt jeder gewöhnliche Mensch, ohne besondere Entwicklung, in seinem leiblichen Organismus besitzt" (MEW 23, S.59) auszugehen, sondern auch die Reproduktionserfordernisse der institutionellen Strukturen der technologischen Möglichkeiten angemessen zu berücksichtigen, die ein "scientific thought as a planetary phenomenon" [W] aufgerichtet hat und damit auch die besondere Entwicklung jedes einzelnen Menschen zu thematisieren, die sie oder ihn erst zu einem unverwechselbaren Teil der Menschengemeinschaft macht.

Bleiben wir dabei auf "Fleissners Ebene 3", also der Betrachtung industrieller Verflechtungsstrukturen, wie dies Marx im "Kapital" Band 2 in seinem Ansatz mit Reproduktionsmatrizen untersucht hat, so scheinen mit den entsprechenden Güterströmen und den entgegengesetzt gerichteten Geldströmen realweltlicher Zahlungsvorgänge in der Tat Produktionsfaktoren eine wichtige Rolle zu spielen. Dies wird besonders deutlich, wenn die Produktionsseite jener Güterströme betrachtet wird, die jedem Austausch vorgängig ist und bereits damals jene institutionell-technologischen Bedingtheiten einer modernen industriellen Produktionsweise voraussetzt, deren Kern nicht nur die massenhafte Herstellung standardisierter Produkte, sondern auch der massenhafte Einsatz standardisierter Arbeiten ist und damit eine gegenseitige universelle Substituierbarkeit menschlicher Arbeit begrenzt.

Zwischen Quaas und mir besteht Konsens, dass sich die gegenseitige Bezüglichkeit letzterer (der standardisierten Arbeiten) in den Verflechtungsrechnungen auf "Fleissners Ebene 3" als Arbeitswertkoeffizienten manifestiert. Dissens besteht in der genauen Würdigung jener Koeffizienten.

Eine erste Frage kann beiseite geschoben werden: Hatte Marx derartige Faktoren klar auf dem Radar und sind sie einem uneingeweihten Leser wie mir nur auf Grund des eigentümlichen Marxschen Verhältnisses zu mathematischen Notationen nicht erkenntlich (so Quaas) oder hat Marx mit seiner frühzeitigen Reduktion auf einfache Arbeit dieses Phänomen in den Fußnotenapparat einer MEGA verdrängt (so Gräbe)? Quaas geht es - wenigstens noch in [Q2] - um eine Theorierekonstruktion in moderner mathematischer Sprachgestalt und mir um die Fortschreibung solcher Ansätze in einer ebensolchen modernen Sprache.

Auch das Auseinanderfallen von Preisen und Werten muss unberücksichtigt bleiben, da hierüber nach meinem Verständnis auf "Fleissners Ebene 3" noch nicht verhandelt werden kann. Einer Differenzierung von Werten und Preisen ist eine Befestigung der Wertkategorie genauso vorgängig wie das Konzept der "gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit" den Differenzierungen real verbrauchter Arbeitszeiten vorgängig ist. Diese Befestigung geschieht aber nach meinem Verständnis auf "Fleissners Ebene 3". Nur so werden für mich auch die Verflechtungsrechnungen im "Kapital" Band 2 verständlich, wo bepreiste Güterströme und Wertströme zwischen verschiedenen Sektoren als "jährliches gesellschaftliches Produkt" noch identifiziert werden. Die Anbindung an eine Empirik steht damit vor demselben Problem, vor dem auch Galilei mit seinen Fallexperimenten von Eisen und Feder stand - wie lässt sich die idealisierte Situation aus der Empirik extrahieren? Georg Quaas als empirischer Wirtschaftsforscher ist dabei in einer deutlich wenig beneidenswerten Lage gegenüber dem früheren Georg Quaas als Physiker - die umfangreichen experimentellen Anordnungen, welche die Physik kennt, stehen in der empirischen Wirtschaftsforschung nicht zur Verfügung.

Kommen wir nach diesem Vorgeplänkel zur Kernfrage der Kritik von Quaas: In welchem Umfang können nicht nur Individualsubjekte, sondern auch kooperative (juristische) Subjekte Quelle von Wert in einer Arbeitswertrechnung sein? Meine Position habe ich hierzu mehrfach dargelegt und kann mich deshalb hier darauf beschränken, noch einmal einzelne Aspekte genauer auszuführen.

Mein Ansatz unterscheidet sich von einer reinen Produktionsfaktorentheorie darin, dass zusammen mit jenen Produktionsfaktoren auch die Zweck setzenden Einheiten als kooperative Subjekte betrachtet werden, die bestimmen, was zu welchem Zweck wie zu produzieren ist. In einer technisierten bürgerlichen Welt ist daran nicht nur jener Kapitalist beteiligt, der "mit schlauem Kennerblick die für sein besondres Geschäft ... passenden Produktionsmittel und Arbeitskräfte auswählt" (MEW 23, S. 199), sondern auch die arbeitsteilig tätigen Lohnarbeiter als Träger spezifischen Verfahrenskönnens, welche die vagen Vorgaben ihres betriebsorganisatorisch, nicht aber fachlich-technisch versierten Chefs nach dem "Stand der Technik" umsetzen. In diesem Sinne muss heute so gut wie jede bedeutsame Produktion von Gütern und Waren in einem kooperativen Interaktionskontext arbeitsteilig vorgehender Subjekte betrachtet werden, der in einer angemessenen technischen Infrastruktur überhaupt erst möglich wird.

Die von Quaas referenzierte Marxsche Kritik an Adam Smith (MEW 26.1, S. 64 ff.) muss sich deshalb befragen lassen, ob die einzige Interpretation des Phänomens Surplusarbeit die dort ausgeführte ist - dass Kapital "als Zwang über die Lohnarbeit diese zwingt, Surplusarbeit zu arbeiten, oder die Produktivkraft anstachelt, um relativen Mehrwert zu schaffen" - oder ob ein kooperativer Arbeitszusammenhang auch arbeitswerttheoretisch mehr ist als die Summe seiner Teile - der "in Bewegung gesetzten source primitive". Mein Ansatz setzt Wertschöpfung zur Verfügung über zukünftigen gesellschaftlichen Reichtum ins Verhältnis, mit dem die strukturelle Reproduktion und Entwicklung der Gesellschaft als "menschliches Bedürfnis" vorangebracht wird, wobei nicht nur die Reproduktion individuellen Arbeitsvermögens, sondern auch die Reproduktion kooperativer Produktionsstrukturen zu den unmittelbaren "menschlichen Bedürfnissen" gerechnet wird, deren widersprüchliche Dynamik bereits auf "Fleissners Ebene 3" zu besprechen ist, denn es sind Fragen, die auch in einer hypothetischen ausbeutungsfreien Gesellschaft zu lösen wären.

Die operative und investive Struktur eines solchen Produktionsapparats ist zugleich die Form, in welcher der Mensch (als Gattungssubjekt) "seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert" (MEW 23, S. 195) bzw. - wie wir heute genauer sehen - dies ein kultureller Umgestaltungsprozess der Natur selbst ist [W]. Im Zuge dieser Umgestaltungen werden auch die kooperativen Interaktionskontexte weiterentwickelt, womit eine sinnvolle Beschreibung jener Entwicklungen nur möglich wird, wenn man sie als Entwicklung bereits vorgefundener Praxen begreift.

Dem muss eine Verflechtungsrechnung auf "Fleissners Ebene 3" Rechnung tragen. In meinem Ansatz geschieht dies, indem die Arbeitswertkoeffizienten auf jener Ebene der Abstraktion als Umrechnung vorgefundener Arbeitsaufwandsmaße in Arbeitswerteinheiten (bei mir in dieser multiplizierten Form bereits Geldeinheiten, Quaas misst seine "multiplizierte Arbeit" in Werteinheiten [Q2, S. 72]) den gesellschaftlichen Bezug vorgefundener verschiedener standardisierter Arbeiten aufeinander kodieren.

In einem solchen Zugang überrascht zunächst die formale Möglichkeit, Arbeitswertfaktoren und Profitraten in einer einheitlichen Notation einer erweiterten Reproduktionsmatrix zu erfassen [G2]. Dazu ist es erforderlich, das Konzept der "standardized kinds of goods" und "standardized kinds of labour" um ein Konzept der "standardized kinds of 'profit making'" als verschiedene standardisierte Formen der Produktionsorganisation zu erweitern. Dazu korrespondieren dann nicht nur Reproduktionsbedürfnisse der Arbeitskraft, sondern auch Reproduktionsbedürfnisse des Infrastrukturbetriebs.

Diese zunächst formale Möglichkeit kann zu einem selbstähnlichen Modell einer fraktalen Wertkategorie weiterentwickelt werden, wie ich bereits in [G3] näher ausgeführt habe, in der eine Verflechtungsrechnung auf dem jeweiligen Niveau der institutionellen Standardisierung auf eine Arbeitswertrechnung hinausläuft, die nicht mehr als Zeitrechnung erscheint, sondern als Rechnung auf der Basis von Parametern eines hochgradig automatisierten technologischen Prozesses der "Macht der Agentien, die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt werden und die selbst wieder […] in keinem Verhältnis steht zur unmittelbaren Arbeitszeit, die ihre Produktion kostet […]." (MEW 42, S. 592) [G4]. Dass eine solche Verflechtungsrechnung möglicherweise in letzter Instanz doch noch eine Zeitrechnung ist, habe ich in [G4:S. 8] angemerkt. Allerdings ist eine solche Aussage nicht viel mehr wert als jene, dass jedes biologische Phänomen letztlich auf die Physik interagierender Atome zurückzuführen sei.

Hans-Gert Gräbe, 26.12.2019