WAK:2007-01-29

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Kritik der politischen Ökonomie und Theorie sozialer Systeme - theoretische Lockerungsübungen.
mit Hanno Pahl (Bielefeld)
Veranstaltung des AK Kritische Theorie beim StuRa der Uni Leipzig mit Unterstützung des Rohrbacher Kreises
29. Januar 2007, 19:00 Uhr, GWZ Beethovenstraße 15, Raum 5.0.15.

Ankündigung

Eine ernsthafte Auseinandersetzung zwischen den an der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie orientierten soziologischen Theorieprogrammen und der Luhmannschen Theorie sozialer Systeme hat bis heute nur punktuell stattgefunden. Nachdem es im Zuge der sog. Habermas/Luhmann-Kontroverse in den 1970er Jahren nicht zuletzt darum ging, sich wechselseitig den schwarzen Peter des "Sozialtechnologie-Stigmas" zuzuspielen, kann für die Folgezeit ein fast vollständiges Abebben wechselseitiger Bezugnahmen konstatiert werden. Dies hatte seine Gründe natürlich auch in der Transformation der gesellschaftlichen Großwetterlage: Das Avancieren der Luhmannschen Theorie sozialer Systeme vom obskuren Außenseiter zum - zumindest an vielen deutschen Universitäten - akademisch-soziologischen "state of the art" lief weitgehend parallel zum Niedergang der relativen Konjunktur neomarxistischer Ansätze an den westlichen Universitäten. Andererseits ist festzustellen, dass die Systemtheorie im Folgenden gerade vielen jener Theoretiker/Innen ein Zuhause bot, die von Marx her das Interesse an einer gesamtgesellschaftlichen Analyse mitbrachten, ein Interesse, das freilich nun in der Weise fortgeschrieben wurde, dass das Leitparadigma der "Kritik" (Marx) durch jenes der "abgeklärten Aufklärung" (Luhmann) ausgewechselt wurde. Hanno Pahl beleuchtet in seinem Vortrag Konvergenzen und Divergenzen von Marxscher und Luhmannscher Theorie und sucht nach Möglichkeiten produktiver wechselseitiger Irritation.

Zur Person: Hanno Pahl promoviert an der Uni Bielefeld zum Thema "Die Emergenz des Monetären bei Marx und Luhmann - Wirtschaft und Finanzsphäre in gesellschaftstheoretischer Reflexion".

Zuletzt veröffentlicht:

  • Zu Begriff und Wirklichkeit des ökonomischen Systems bei Marx und Luhmann. In: The Radical Review, Nr.15, Seoul 2003, S.163-183.
  • zusammen mit Meyer, Lars und Kirchhoff, Christiane (Hg.): Gesellschaft als Verkehrung. Perspektiven einer neuen Marx-Lektüre. Freiburg 2004.
  • zusammen mit Hessling, Alexandra: The Global System of Finance: Scanning Talcott Parsons and Niklas Luhmann for Theoretical Keystones. Erscheint in: American Journal of Economics and Sociology, Special Issue on Talcott Parsons (2006).


Bericht

Hans-Gert Gräbe, 03.02.2007

In der Vorwoche noch hatte Ingo Elbe auf meine Frage nach über die Wertform hinausweisenden Ansätzen, die vielleicht bereits in dieser Gesellschaft zu beobachten seien, weitgehend mit Unverständnis reagiert. Dabei wäre genau dafür der Blick zu schärfen, wenn man - in guter Marxscher Tradition - Wege aus dem Kapitalismus nicht als ungeheuren Bruch, sondern als Heranreifen des Neuen im Alten sucht, als Reifen von Keimen, die sich schließlich in einem Dominanzwechsel endgültig Bahn brechen, nachdem sie bereits im Schoße der alten Gesellschaft Fahrt aufgenommen haben.

An diesem Abend stand mit Luhmanns systemtheoretischem Zugang ein zweiter analytischer Ansatz der Analyse moderner Gesellschaftsstrukturen zur Diskussion, mit Schwerpunkt auf den Differenzen und Querverbindungen zur "neuen Marxlektüre". Spannend an einem solchen vergleichenden Blick aus verschiedenen Richtungen ist die Frage, welche Grundthesen der Marxschen Theorie Verstärkung und welche Entwertung erfahren. Dass hier vieles eine Interpretationsfrage ist und Luhmann ebenso in Gegensatz zu Marx wie auch in dessen Traditionslinie gebracht werden kann (und gebracht wird), dies wusste Hanno Pahl als Referent und subtiler Kenner der verschiedenen Querverbindungen genau darzustellen, hat er doch - im deutschen Luhmannzentrum Bielefeld wissenschaftlich groß geworden - gerade sein Dissertationsprojekt zu diesem Thema abgeschlossen. Entsprechend ausführlich und weitgehend in freier Rede präsentierte der Referent sein Thema, was sich allerdings auf die Zeitplanung negativ auswirkte und dazu führte, dass für Diskussion nur wenig Raum blieb.

Hanno Pahl charakterisierte Luhmanns Zugang als Analyse einer Strukturierung der Gesellschaft in funktionale Sphären, die weitgehend eigenen inneren Gesetzmäßigkeiten gehorchen, operational einen binären Code entwickeln und sich in einem System/Umwelt-Verhältnis zur Summe aller anderen solchen Sphären ins Verhältnis setzen. Ein solcher Ansatz ist bei Marx rudimentär geblieben, denn von seinem Spätwerk, einer geplant sechsbändigen solchen Analyse ausgehend vom Ökonomischen, hat er bekanntlich nur den ersten Band selbst herausbringen können, während für die anderen beiden erschienenen Bände die Vielzahl von vorbereitenden Aufzeichnungen durch seine Nachlassverwalter überhaupt erst einmal interpretiert und in eine publizierbare Form gebracht werden musste (und dieser Prozess im MEGA-Projekt noch heute seine Fortsetzung findet). Insofern befindet sich Luhmann in der Marxschen Traditionslinie und schert doch gleichzeitig aus dieser aus, wenn er Marxens Hypertrophierung des Ökonomischen zurücknimmt, eine weitgehende Eigenständigkeit aller Sphären der Gesellschaft postuliert und zugleich darauf hinweist, dass die spezifische Rolle jeder solchen Sphäre für das nachhaltige Funktionieren des Gesamtzusammenhangs unverzichtbar ist.

Damit sind natürlich zugleich Grenzen der Wertform und ihrer hohen Penetrationsfähigkeit - ihres "Eindringens in alle Poren der Gesellschaft" - markiert, die es eigentlich näher auszuloten gälte. Etwa in der Form, wie es Eben Moglen in seinem dotCommunist Manifesto (Moglen-03) konstatiert: "As, in the new digital society, creators establish genuinely free forms of economic activity, the dogma of bourgeois property comes into active conflict with the dogma of bourgeois freedom. Protecting the ownership of ideas requires the suppression of free technology, which means the suppression of free speech. ... It is in the courts of the owners that the creators find their class identity most clearly, and it is there, accordingly, that the conflict begins."

So weit spannte der Referent den Bogen an diesem Abend allerdings nicht; und die Mehrzahl der Hörer sah auch wenig Bedarf an einem solchen Exkurs, wie die kurze Diskussion erahnen ließ. Ich will ihn deshalb auch hier an dieser Stelle nicht weiter treiben, sondern den Bericht mit einer Beobachtung beschließen, die mich als "Fachfremden", als Mathematiker und Informatiker, ein weiteres Mal bass erstaunt hat: dass bei aller inhaltlichen Affinität die Luhmannschen "Systemtheoretiker" - und da war Hanno Pahl keine Ausnahme - die Schwesterdisziplin gleichen Namens im Bereich der Naturwissenschaften, welche mit berühmten Namen wie Bertalanffy, Eigen, Foerster, Jantsch, Haken, Maturana, Prigogine, Varela, Weizsäcker u.a. verbunden ist und auf eine beachtliche Zahl von Nobelpreisen verweisen kann, kaum zur Kenntnis nehmen (wie im Übrigen auch Luhmann im Literaturverzeichnis von (Jantsch-92) nicht auftaucht). Eine sinnvolle Symbiose beider Zugänge - das Zusammendenken aus mathematischer Sicht strukturell möglicher Koevolutionsszenarien und gezielter und empirisch fundierter Suche solcher Szenarien in koevolvierenden Praxisformen - steht für mich auf der Tagesordnung und allein die geringe mathematische Bildung der Philosophen und die geringe philosophische Bildung der Mathematiker haben bisher Besseres verhindert.

Literatur

Erich Jantsch (1992): Die Selbstorganisation des Universums. 2. Auflage. Hanser Verlag, München 1992.

Eben Moglen (2003): The dotCommunist Manifesto. Version vom 22.1.2003. http://emoglen.law.columbia.edu/publications/dcm.html,