WAK.2009-10-05

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Lenins Imperialismusanalyse im Lichte der aktuellen Krisenprozesse
Einführung in die Diskussion: Peter Weyh
Veranstaltung des Gesprächskreises Wege aus dem Kapitalismus und der AG Diskurs
Montag, 05.10.2009, 18:30 Uhr, Bürgerverein Volkmarsdorf, Konradstraße 60a.

Ankündigung

"Die Hauptaufgabe des Buches bleibt nach wie vor, an Hand von zusammenfassenden Daten unbestrittener bürgerlicher Statistiken und von Zeugnissen bürgerlicher Gelehrter aller Länder zu zeigen, wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, am Vorabend des ersten imperialistischen Weltkriegs, das Gesamtbild der kapitalistischen Weltwirtschaft in ihren internationalen Wechselbeziehungen war." So heißt es im Vorwort zur französischen und deutschen Ausgabe dieser in der ersten Hälfte des Jahres 1916 geschriebenen Analyse der ökonomischen Konzentrationsprozesse des (damals) "modernen" Kapitalismus.

Es waren bereits damals - zum Beginn des Industriezeitalters fordistischer Prägung - wesentliche Elemente auszumachen, die heute, angesichts der ökologischen und sozialen Krise der Industriegesellschaft sowie - aktuell - dem Platzen einer Riesenblase im sich weitgehend verselbstständigten Finanzsystem, eine zunehmend menschenfeindliche Dynamik prägen. Die Überschriften der einzelnen Kapitel der Leninschen Analyse

  1. Konzentration der Produktion und Monopole
  2. Die Banken und ihre neue Rolle
  3. Finanzkapital und Finanzoligarchie
  4. Der Kapitalexport

zeigen die hohe Aktualität zumindest der damaligen Fragestellungen für eine Analyse im Heute. Wir wollen in unserer Diskussion auch Lenins Antworten und Erkenntnisse auf ihre Bedeutung für das Heute abklopfen.

Interessant und lesenswert in dem Zusammenhang ist die Analyse des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Böckler-Stiftung (Hinweis von Wolfgang Franke auf der Liste 'attac-l').

Hans-Gert Gräbe, 27.09.2009

Literatur:

Nachbemerkungen

Lenins Hauptwerk zum Imperialismus aus dem Jahre 1916 ist ein wichtiger Bestandteil linker ökonomischer Kapitalismusanalyse, in welchem auf empirischer Grundlage zentrale Tendenzen der Herausbildung von Monopolen vor allem in Bereichen der Grundlagenindustrie sowie die neue Rolle von Finanzkapital und Finanzoligarchie herausgearbeitet werden. Auch mit den Erfahrungen des "kurzen 20. Jahrhunderts" im Rücken hat dieser Teil seiner Analyse wenig an Aktualität verloren, wie Dynamik und Bewegungsformen der aktuellen Finanzkrise zeigen.

Anders sieht es mit der "Tendenz zur Stagnation und Fäulnis" aus, die Lenin aus Monopoltendenzen und dem Anwachsen der "Schicht der Kuponschneider" herausliest und daraus ableitet, dass die Dynamik der kapitalistischen Entwicklung mit der neuen Entwicklungsphase zum Erliegen kommen wird. Dies ist 90 Jahre auf allenfalls andere Weise zu spüren, während die Geschichte einen Alternativentwurf zur kapitalistischen Organisation der Produktion mit weltweiter Resonanz in der Zwischenzeit hat entstehen und wieder vergehen lassen.

Ähnliches gilt auch für die "Aufteilung der Welt unter die Großmächte", die um 1900 einen gewissen Abschluss erreicht hatte, um im 1. Weltkrieg erneut in Frage gestellt zu werden. Die Gewichte zwischen den beiden Polen der Analyse von Luxemburg und Lenin, dass die Herausbildung von Einflusssphären nicht nur der Abgrenzung der einzelnen Machtblöcke nach außen dient, sondern zugleich Instrument der Niederhaltung sozialistischer Bestrebungen innerhalb des Machtblocks ist, haben sich seitdem stark in Richtung des Letzteren verschoben. Auch die Machtblöcke selbst sind anders strukturiert als noch ein Jahrhundert vorher. Die "Vereinigten Staaten von Europa" sind mit den EU-Vernetzungsprozessen Wirklichkeit geworden und zugleich ihrer Kolonien verlustig gegangen. Im Ringen um die Ausgestaltung des europäischen Vereinigungsprozesses wird allerdings deutlich, dass es sich nicht nur um "zeitweilige Abkommen zwischen den Kapitalisten handelt darüber, wie man gemeinsam den Sozialismus in Europa unterdrücken" kann (2), sondern zivilgesellschaftliche Gestaltungsmächte dem mit zunehmender Bedeutung ein "Europa von unten" entgegensetzen. Siehe zum Beispiel den Aufsatz (3) von Wolfgang Scheler.

So drehten sich denn auch die Überlegungen im einführenden Referat von Peter Weyh um die Frage, in welchem Umfang die Leninsche Analyse aus der ökonomischen Perspektive heraus einen eigenständigen Begriff "Imperialismus" als besonderes, finales Entwicklungsstadium des Kapitalismus rechtfertigt. Er ging dabei besonders auf die Wurzeln des Worts "imperial" bzw. "imperialistisch" ein, die in einschlägigen Nachschlagewerken weitgehend synonym gebraucht werden und besonders auf das zentralistisch-territoriale Element der entsprechenden Herrschaftsbereiche abheben. Derartige Tendenzen sind in der Tat typisch für die kapitalistische Entwicklung im 20. Jahrhundert. Allerdings gibt es deutliche Unterschiede in den Formen, in denen diese imperialen Tendenzen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in der Mitte des 20. Jahrhunderts mit dem Zerfall der Kolonialreiche (im "demokratischen Zeitalter" - (4)) oder im Zeitalter der Globalisierung zum Ausdruck kommen.

Damit steht die Frage, ob man nicht eher von Imperialismen im Plural sprechen und damit ein spezielles Moment kapitalistischer Entwicklung verbinden sollte, das in einer die eigene Produktionsweise dauernd umwälzenden Gesellschaftsordnung auch in dauernd anderer Weise in Erscheinung tritt. Eine solche Relativierung des Imperialismusbegriffs öffnet die Sinne für die Suche nach diesen neuen Erscheinungsformen und erlaubt zugleich, sie mit anderen Erscheinungsformen abzugleichen, etwa mit Kommunismen im Sinne der Debatte am 7.9. als Momenten überschießender sozialer Utopie, die sich mit jedem Umbruch der kapitalistischen Produktionsweise auf alte und zugleich spezifisch neue Weise äußern.

Ein solch differenzierender Blick auf Lenins Imperialismusanalyse erlaubt es auch, retrospektiv die historisch spezifischen Momente dieser Analyse genauer in den Blick zu bekommen. Ein solches historisch spezifisches Moment ist die Konzentration der Produktion im Grundlagenbereich - der Übergang zu einer industriellen Produktionsweise -, die mit der Krise 1857/58 eingeleitet und im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts im Wesentlichen abgeschlossen und durch den Übergang zur fordistischen Produktionsweise des "ein Kopf und tausend Hände" abgelöst wurde. Insofern stehen Marx' ökonomische Analyse im "Kapital" und Lenins Imperialismusanalyse an entscheidenden produktionsorganisatorischen Umbrüchen der kapitalistischen Gesellschaft. Die Zerfalls- und Fäulnisprozesse einer alten Produktionsweise nährten jeweils die Hoffnung eines baldigen Endes des Kapitalismus als Ganzes, was aber regelmäßig nicht eintrat. Eine Extrapolation dieses zeitlichen Rasters legt einen Zusammenhang dieser Umbrüche der Produktionsweise mit grundlegenden technologischen Umbrüchen und den Kondratjew-Wellen nahe, die dann auch in den Krisenprozessen Ende der 1960er Jahre sowie den aktuellen Umbrüchen eine wichtige Rolle spielen sollten.

Um aus diesem Auf und Ab der Krisen- und Umbruchprozesse eine übergreifende Richtung der gesellschaftlichen Entwicklung auszumachen, wäre auf einer längeren Zeitskala dieses Auf und Ab auszumitteln und zu sehen, wohin die Reise wirklich geht. Insbesondere wäre dabei - die historische Erfahrung der Arbeiterbewegung berücksichtigend - sowohl überschießender Optimismus einer kommunistischen Utopie als auch überschießender Pessimismus einer aus den eigenen Lebensumständen entspringenden und sich gerade in Krisenzeiten verschärfenden eng kapitalismuskritischen Sicht zu vermeiden. Kornelia Richter machte an diesem Abend eine solche Tendenz - explizit auch kapitalistischer - Entwicklung aus: "Alle Geschichte bewegt sich auf die maximale Befreiung des Menschen zu".

(1) W.I.Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. http://www.mlwerke.de/le/le22/le22_189.htm
(2) W.I.Lenin: Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa. http://www.mlwerke.de/le/le21/le21_342.htm
(3) W.Scheler: Die Union kapitalistischer Staaten Europas im Blick auf eine europäische und globale Friedensordnung. http://www.sicherheitspolitik-dss.de/autoren/scheler/ap7302ws.htm
(4) C.Spehr: Die Aliens sind unter uns! Herrschaft und Befreiung im demokratischen Zeitalter. Goldmann Verlag, München 1999.

Hans-Gert Gräbe, 11.10.2009