WAK.2009-04-22

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Linke Vielfalt und linke Einheit
Nachbemerkungen zu einer Diskussion mit Christoph Nitz
Veranstaltung des Gesprächskreises Wege aus dem Kapitalismus und des Rohrbacher Kreises in der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen.
Moderation: Prof. Hans-Gert Gräbe
22. April 2009, 18:00 Uhr, Harkortstraße 10

Ankündigung

Die eigenartige Diskrepanz zwischen dem Anspruch, mediale Mechanismen geschickt zu nutzen, um linke Positionen in immer ausdifferenziertere soziale Milieus zu tragen, und der Genese und Widersprüchlichkeit dieser linken Positionen selbst blieb als große Frage nach der Diskussion mit Christoph Nitz am 01.04.2009 im Raum stehen. Die Konzentration auf "Werte" - stupid! - spielt in Nitz' Aufsatz eine zentrale Rolle, wobei manipulative Elemente medialer Gestaltung gegenüber investigativen deutlich in den Vordergrund gerückt werden. Entsprechend kommen Erfahrungen mit aufklärerischen und investigativen Medien wie dezentralen Webstrukturen - wie sie nicht zuletzt auch in Leipzig im APRIL-Netzwerk und der AG Diskurs mit dem Medium Wiki gesammelt wurden - bis hin zu http://indymedia.org in Nitz' Argumentation nicht vor.

Nitz bezog sich in seinen Ausführungen mehrfach auf wichtige Erfahrungen aus der 6. Linken Medienakademie (LiMA) Anfang März 2009 in Berlin, die er selbst an zentraler Stelle mit vorbereitet hat. Ein Blick in Programm und Akteure ebendieser Akademie zeigt, dass dort sehr wohl diese aufklärerischen und investigativen "Medien 2.0" eine wichtige Rolle spielten. Thomas Lohmeier schreibt im Begleitheft der LiMA über die "Obamamania"

"Undenkbar scheint, dass Mitglieder oder AktivistInnen von den PlanerInnen solcher Mobilisierungskampagnen als politische Subjekte verstanden werden, die selbst auch über das Ob, das Wie und die Art der Durchführung bestimmen.
Diesen Prozess (die "partizipative Wende der Kommunikation" -- HGG) umzukehren und Kampagnen von der Planung bis zur Evaluation für alle Beteiligten gestaltbar zu machen, muss Aufgabe einer emazipatorischen Kampagnenorganisation sein. Es ist genau dieser Unterschied, der eine partizipative Kampagne von einer klassischen Mobilisierungskampagne unterscheidet."

Über diese Fragen, wie der Spannungsbogen zwischen linker Vielfalt der Ansätze und Überlegungen und linker Einheit der Kampagne und Aktion produktiv zu machen ist, soll es an diesem Abend noch einmal gehen.

Hans-Gert Gräbe, 07.04.2009

Links:

Bericht

Bereits im Vorfeld des Abends war die Eigenmächtigkeit des Moderators (aka Maintainers) diskutiert worden, im Titel der Veranstaltungsankündigung die beiden Pole "linke Vielfalt" und "linke Einheit" durch ein "und" verbunden zu haben, wo doch ein "oder" oder wenigstens ein (neutraler) Bindestrich angemessener gewesen wären. In einem vehementen Einstieg in die Diskussion, in der sich das Ende des Vorgesprächs und der Beginn des Gesprächs kaum ausmachen ließen, manifestierte sich zunächst noch einmal die "linke Vielfalt" selbst der wenigen anwesenden Diskutant/inn/en.

Der große Reibungspunkt blieb dann das von Nitz in seinem Aufsatz und den Ausführungen am 01.04. apriorisch eingeführte "Wir" der Linken. Es wurde deutlich, dass dieses "Wir" mitnichten apriorisch ist, sondern von den Anwesenden je sehr subjektiv konstruiert wird und wo die Übereinstimmung in einzelnen Positionen und Verhaltensweisen eine größere Bedeutung hat als in anderen. Dass daraus durchaus verschiedene "Wir"-Begriffe entstehen können, manifestiert sich nicht zuletzt in verschiedenen Flügeln der Linkspartei.

Wie mit einer solchen Vielfalt umgehen? Im kontroversen Gespräch der an diesem Abend im Kreis sitzenden "Vielfalt" wurde ein weiterer Aspekt deutlich - die Wichtigkeit der Kantschen Unterscheidung der beiden Modi des Gebrauchs der Vernunft - deren öffentlicher Gebrauch zum Raisonnieren und deren privater Gebrauch zum Handeln. Gespräch und gedanklicher Austausch zwischen Linken ist wichtig, auch zwischen solchen, die nicht bereit zu gemeinsamer Aktion sind, weil die Welten "privater Vernunft" - gespeist aus den eigenen Alltagserfahrungen und Alltagsproblemen - zu verschieden sind.

Hans-Gert Gräbe, 24.04.2009