NKM.Leserbrief.Deissler.2014Feb

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Leipzig / Naturkundemuseum

Leserbrief von D.Deissler (Mitglied der CDU Fraktion im Leipziger Stadtrat) vom 21.02.2014 an die LVZ:

Verehrte Redaktion der Leipziger Volkszeitung,

im Dezember hatte die Leipziger Bürgerin Isolde Freese einen Leserbrief initiiert, und damit den Versuch unternommen, die Redaktion der Leipziger Volkszeitung, das Naturkundemuseum betreffend, ein wenig aus dem Schlaf zu rütteln. Wenn in letzter Zeit überhaupt über diese wichtige Einrichtung berichtet wurde, dann ohne angemessene eigene Recherche oder sehr einseitig der Standort Bowlingtreff im Sinne der Verwaltungsmeinung präferiert. Ich möchte noch nicht so weit gehen, zu sagen, dass (teilweise) auch unsachlich berichtet wurde.

Schon vor Jahren habe ich etliche Gespräche mit der Lokalredaktion geführt, teilweise gemeinsam mit dem damaligen Direktor des Museums, Dr. Schlatter. Es wurde eine kleine Themenreihe in Aussicht gestellt – geschehen ist (nahezu) nichts.

Es kann nicht sein, dass sich die einzige örtliche Zeitung von diesem so wichtigen Thema abwendet. Es sollte doch auch die LVZ daran interessiert sein – unabhängig von der journalistischen Arbeit – dass diese notwendige Bildungseinrichtung für Leipzig auch künftig (vor allem) von den Kindern und Touristen besucht werden kann. Als Mitglied des Stadtrates setze ich mich seit langer Zeit für den Erhalt des Museums ein.

Bezüglich des Standortes muss der für das Museum geeignetste Ort gewählt werden, nicht umgekehrt!! Es kann nicht sein, dass ein Gebäude Bowlingtreff, das über viele Jahre keiner einzigen anderen Nutzung zugeführt werden konnte – weil nicht geeignet – nun ausgerechnet das Naturkundemuseum mit seinen wertvollen Exponaten aufnehmen muss!

Der Standort Leuschnerplatz wird sicher in wenigen Jahren enorm an Bedeutung gewinnen, aber auch dies kann nicht separat Entscheidungskriterium für die Standortwahl des NKM sein. Aus heutiger Sicht sprechen zu viele Argumente gegen das Bowlingcenter: Gefahr des Wassereinbruchs kann nicht hundert prozentig ausgeschlossen werden, Entfeuchtung der nassen Wände dauert eine Ewigkeit, Luftfeuchtigkeit durch Museumsbesucher, teilweise zu niedrige Raumhöhen, Fluchtwege bei Feuer, fehlende Räumlichkeit mit Tageslicht, fehlende Flächen für Verkaufsshop, Cafeteria und Bibliothek (soll über einen Tunnel im Nachbargrundstück untergebracht werden, wo derzeit keiner weiß, wann, von wem und was dort gebaut werden soll). Erweiterungsmöglichkeiten (Denkmalschutz und Grundstücksgröße) sind nahezu nicht machbar, fehlende Nähe zu naturnahen Aufenthaltsmöglichkeiten für Kinder (jetzt Rosental), fehlende Parkflächen, Erschütterung der wertvollen Sammlungen durch Straßenbahn und S-Bahn – die Gegenargumente lassen sich leider in großer Zahl fortführen.

Wenn Sie die Worte von OB Jung in der letzten Stadtratssitzung gehört haben, muss auch dem letzten Optimisten klar geworden sein, dass die Schließung des NKM befürchtet werden muss. Anders als im OB-Wahlkampf „wünscht“ sich Herr Jung nun nur noch das Naturkundemuseum. Selbst auf wiederholtes nachfragen, war er nicht bereit, nicht einmal über die lange Zeitspanne von 6 oder 10 Jahren, ein eindeutiges Ja zum NKM zu formulieren. Sich mit Herzblut für den Erhalt und die Modernisierung des NKM zu bekennen, kann daraus nicht unbedingt hergeleitet werden. Auch bei einem größtmöglichen Verständnis für die aktuelle finanzielle Situation, ist es für die Befürworter einfach nicht hinnehmbar, dass, selbst in einem so langen Zeitraum, das Geld im Haushalt nicht bereit gestellt werden kann. Wer anders denkt, kann die Realisierung des NKM nicht ernsthaft wollen. Jeder, der eine solche Meinung als Stadtrat vertritt, auch und besonders der zuständige Bürgermeister und ebenso OB Jung sollten dies aber dann auch endlich den Bürgern öffentlich deutlich sagen.

In dieses Bild passt das unsägliche Hinhalten durch die Verwaltung seit nunmehr 20 Jahren. Die Letzte Posse um die Nachfolge von Dr. Schlatter müsste eigentlich noch einmal alles untermauern. Der durch Stadtratsbeschluss geplante „Projektleiter“ wurde gar nicht erst ausgeschrieben. Die Ausschreibung für die Nachfolge ist viel zu spät erfolgt und mit fragwürdiger Begründung ohne Ergebnis beendet worden. Dass das Museum jetzt lange Zeit ohne Direktor auskommen muss, ist in dieser ohnehin schwierigen Situation unglaublich. Die Aussage von Herrn Faber, erst das Konzept für ein Museum zu erstellen und danach den Direktor zu suchen, muss hinterfragt werden! Nur umgekehrt wird ein Schuh daraus. Der künftige Direktor muss das Konzept mit gestalten und es dann mit Leben erfüllen.

Dass der zuständige Bürgermeister nun in den Medien auch noch mehrfach nachgetreten hat, ist völlig unakzeptabel und ist dieser Stadt unwürdig. Direktor Schlatter hat wiederholt Konzepte bezüglich des Standortes aber auch zur inhaltlichen Weiterentwicklung vorgelegt. In diesem Zusammenhang sollte die LVZ auch dazu recherchieren, wie die Verabschiedung eines leitenden Angestellten dieser Stadt, der über 20 Jahre noch schlimmeres verhindern konnte, abgelaufen ist.

Man darf gar nicht daran denken, dass im Raum stehende Risiken in dreistelliger Millionenhöhe anders eintreffen, wie sich das alle „wünschen!“ Wenn das Naturkundemuseum sich auch in den nächsten Jahren in diesem erbärmlichen Zustand den Besuchern präsentieren muss, ist Schlimmes zu befürchten. Ein „Tod auf Raten“ ist absehbar. Nicht einmal das Erdgeschoss kann komplett als Ausstellungsfläche genutzt werden, die Besucherzahl, die gleichzeitig das Museum besuchen wollen, ist gedeckelt, was gerade für Kita- und Schulklassen einen Besuch extrem erschwert, Wechselausstellungen sind nahezu nicht möglich, Besucher anlockende interessante Sonderausstellungen erst recht nicht. Was für eine Signalwirkung an die Leipziger und ihre Gäste? Eine so geschichtsträchtige Handelsmetropole kann (will) nicht mehr einen ihrer wichtigsten Schätze erhalten. Die wertvollen Exponate und die damit verbundene Leipziger Geschichte wären verloren. Eine Aufteilung der einzigartigen Sammlungen ist undenkbar und muss kategorisch ausgeschlossen werden.

Für mich ist es sehr bedauerlich, dass die LVZ sich nicht mehr bei diesem Thema engagiert, mehr darüber berichtet, offenen Fragen versucht zu recherchieren und zu beantworten. Ich spreche mit vielen Bürgern in Leipzig, fast uneingeschränkt vertreten diese Leute eine ähnliche Meinung. Und nicht selten höre ich auch eine heftige Kritik gegenüber der Leipziger Volkszeitung, „darf man nicht mehr kaufen“, „Leserschwund ist nicht verwunderlich“, „steht dem bekannten Boulevard-Blatt in nichts nach, es wird mehr und größer über Melanie Müller, Schumacher und Co. berichtet, als über dieses Leipziger Kleinod“. Aber selbst die Boulevard-Presse hat am Folgetag der Ratssitzung über die Ereignisse berichtet!

Mit den besten Grüßen

Dieter Deissler

Mitglied der CDU Fraktion im Leipziger Stadtrat