Attac.DenkTankStelle.2008-08-28

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DenkTankStelle von Attac-Leipzig am Do, 28.08.2008, 19:00 Uhr im Glashaus Clara-Zetkin-Park zum Thema Fortschritt.

Diskussion im Vorfeld des 28.8.

Literaturvorschläge: --hgg 21. Jul. 2008

Das Einfachste wäre natürlich, Benjamins "Geschichtsphilosophische Thesen" herzunehmen als Grundlage. Leider gibt es die nicht so einfach online, weil offensichtlich die exklusiven Verlagsrechte noch nicht abgelaufen sind.

Aber vielleicht machen es ja auch These 2-4 aus meinen "Chemnitzer Thesen". Vollständig siehe http://www.hg-graebe.de/EigeneTexte/index.html --hgg 5. Aug. 2008

Aus den Chemnitzer Thesen

2) Der Gedanke, Gesellschaft ließe sich entwerfen und steuern wie eine Maschine, ist ein Kind des ”langen 20. Jahrhunderts“, in welchem die Menschen durch Entwicklung von Wissenschaft und Technik ihr Denkorgan als sechstes Sinnesorgan, die Fähigkeit zur Nutzung instrumenteller Vernunft, in einem Umfang entfalteten, der Vergleichbares nicht kennt seit jenem Tag im Paradies, als ”die Augen aufgetan waren“. Die damit verbundene Erweiterung der Sinnes- und Handlungsmöglichkeiten der Menschheit vermittelt ein Gefühl der Allmacht, der Entgrenzung der Gestaltungsmöglichkeiten, der Formbarkeit von Natur, die in einem neuen Paradies, einem gewaltigen Produktionssystem zur Erfüllung fast aller materieller Bedürfnisse, in einem ”sein wie Gott“, ihren vorläufigen Gipfelpunkt erreichte. (1. Moses 3,5)

3) Der Machbarkeitswahn der ”grandiosen Siege der Menschheit über die Natur“ beginnt jedoch zu verfliegen. Die mit dieser gewaltigen Produktionsmacht gewachsene Handlungsmacht, deren Produktiv- und Destruktivkraft, entwickelt eine Eigendynamik, die Menschsein zunehmend aushöhlt und den Menschen letztlich zerquetschen wird, wenn er sich nicht aus seinem Hamsterrad zu befreien vermag.

“... ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ ([1, These 9])

Millionen sind diesem Fortschritt bereits zum Opfer gefallen. Nach der ethischen Katastrophe von Auschwitz, deren unbewältigte Dimension heute nicht nur in der Dritten, sondern auch im alltäglichen Faschismus der ”zivilisierten“ Welt ihre Fortschreibung findet, sind wir gerade Zeuge einer sozialen Katastrophe bisher ungekannter Dimension, in der sich Menschen gegen Menschen wenden ob der ihnen angetanen Ungemach, und sehen am Horizont bereits die ¨okologische Katastrophe näher kommen, in der sich Natur gegen die Menschen wendet ob der ihr angetanen Ungemach. Der ”Riß im System des Stoffwechsels zwischen menschlicher Gesellschaft und Umwelt“ [2] ist nie so groß gewesen wie heute.

4) Diese Krise der Industriegesellschaft ist zugleich Krise eines rationalen Vernunftbegriffs, der einen ”Weltgeist“, ”Willen Gottes“ oder eine ”objektive Realität“ als einen dem Menschen äußerlichen letzten Begründungszusammenhang postuliert. Gesellschaftlich vermittelte Individualität — die aus der Kohärenz gestriger Erfahrungen gespeiste Kohärenz heutiger Erwartungen, welche Zukunft vorstrukturiert — ist immer auch Menschenwerk. Sie als Menschenwerk zu begreifen und bewusster humaner Gestaltung zugänglich zu machen ist dringlicher denn je.

Die Alternative ”Barbarei oder Zivilisation“ wird zum kategorischen Imperativ, alle Barbarei in der Zivilisation aufzuspüren, also alle jenen Momente, ”in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“. (MEW 1, S. 385)

Dabei nicht den Täuschungen des sechsten Sinnes zu erliegen, bedarf der Entfaltung einer primär aus der eigenen Lebenspraxis gespeisten kritischen Vernunft, die Es und Ich zu Lasten des Über-Ich einander wieder näher bringt und ”sich den ’narzistischen Kränkungen’ stellt, welche wissenschaftliche Forschungen seit Kepler und Kopernikus den menschlichen Subjekten zugefügt haben." ([3, S. 213]). Dabei gilt es, die "Einheit von Tugend und Glückseligkeit" im Sinne des späten Kant neu zu versuchen [4]. Billiger ist sein kategorischer Imperativ nicht zu haben.

Würde im Selbst ist ein immanenter Teil von Menschenwürde. Dabei kann es auf Adornos Frage "Gibt es ein richtiges Leben im falschen?" heute nur noch eine Antwort geben: "Wir haben gar keine andere Wahl als es zu versuchen." ([5])

  • [1] Benjamin, W., Geschichtsphilosophische Thesen, In: Zur Kritik der Gewalt und andere Aufsätze, Suhrkamp, Frankfurt/M. 39-74, 1965
  • [2] Löwy, M., Destruktiver Fortschritt. Marx, Engels und die Okologie, Utopie kreativ 174. 306-315, 2005
  • [3] Wolf, F. O., Grenzen und Schwierigkeiten der freien Kooperation, In: Gleicher als andere, Eine Grundlegung der freien Kooperation, Spehr, C., Texte der Rosa-Luxemburg-Stiftung 9, Karl Dietz Verlag, Berlin. 212-225, 2003
  • [4] Wittenberger, W., Das Gute und das Böse oder wie Kant die Religion philosophisch beerbt, In: Aufklärung, Beiträge zur Philosophie Immanuel Kants, Bönisch, S., Texte zur Philosophie 15, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, Leipzig 67-90, 2005
  • [5] Zwerenz, G., Elf Bemerkungen zu Sklavensprache und Revolte, In: Unabgegoltenes im Kommunismus, Der Funken Hoffnung im Vergangenen, Kinner, K., Diskurs - Streitschriften zu Geschichte und Politik des Sozialismus 17, Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen, Leipzig 72-80, 2004

Wikipedia-Links:

Notizen zur Diskussion

hgg - Ebenen des Fortschritt:

  • Innovation und Zeit/ Geschichte
  • individuelle und gesellschaftliche Dimension
  • Ist das positiv bezeichnete und allg. gesellschaftlich anerkannte auch wirklich/ objektiv positiv?


Sektoren der Fortschrittsbetrachtung:

  • Ökologie
  • Ökonomie
  • Soziales
  • Politik
  • Technik
  • Kultur
  • Medizin
  • Sexualität
  • Sonstiges


Was ist Fortschritt? Ergebnis der DenkTankStelle vom 28. August 2008
Werte-Kanon mit dem wir (...)
Fortschritt verbinden: F. nicht verbinden:
nachhaltige Mobilität Hypermobilität
Glück Gleichgültigkeit
Sein Haben/ Gier/ Neid
(gesunder) Ehrgeiz (ungesunder) Ehrgeiz
Zufriedenheit Gier/ Unzufriedenheit
Nachhaltigkeit allg. Ressourcenverschwendung/ Ausbeutung
Sicherheit, existenziell Existenzangst
gesellschaftliche Teilhabe gesellschaftl. Ausgeschlossenheit
soziale Kontakte soziale Isolation
Grundbedürfnisse bedriedigen können (siehe Maslowsche Bedürfnispyramide) Grundbedürfnisse nicht befriedigen können
Bedürfnissbefriedigung Konsumismus/ künstliche Bedürfnissse wecken/ Profitmaximierung
Anerkennung (erfahren) Ignoranz
Befriedigung Frustration/ Frustrierung
reale Meinungsfreiheit postulierte Meinungsfreiheit (endet oft am Werktor)
Erziehung ... Verwahrlosung (in Kauf nehmen)
Informationszugang (Internet, Open Source, Informationsfreiheitsgesetz, ... ) Information Hiding/ Herrschaftswissen (CBL- u.a. Verträge, Patente, diverse Kollegen, ...)
freie, offene Medien interessengesteuerte, renditeorientierte Medien
(vorh.) Reflexionsfähigkeit der Gesellschaft (nicht vorh./ eingeschränkte) Reflexionsfähigkeit der Gesellschaft
Dominanz der Politik/ des politisch, gesellschhaftlichen Moments Dominanz der (Privat-)Wirtschaft und des Kapitals
Unzufriedenheit und Leid als Triebkraft des Fortschritts Unzufriedenheit und Leid als Triebkraft des Fortschritts
Gestaltung der eigenen Lebensbedingungen Fremdbestimmung
Zugang zu Tageszeitung und Internet Mangel an Zeitungs- u. Internetzugang (Hartz IV)
Zugang zu Kultur/ Teilhabe an Kultur Mangel an Kulturzugang (u.a. wegen Hartz IV)
Zugang zu (einer) Fachzeitschrift(en) Mangel an FZ-Zugang (Hartz IV)
Zugang zu Büchern Mangel an Bücherzugang (Hartz IV)
menschliche Dimensionen der Flexibilität ohne Sanktionen Flexibilisierungsdruck incl. Sanktionen
Gemeinwohl-Orientierung Profitmaximierung/ Egoismus
Kriterien für Fortschritt:
a) Individuum und Gesellschaft
Individuum geht es/ fühlt sich besser, hat einen Nutzen und den Gruppen bzw. dem Gemeinwesen erwächst kein Nachteil.
b) Ambivalenz/ Janusköpfigkeit
Nutzen Schaden
c) ökologischer Fußabdruck
kleiner gleich eine Erdkugel größer eine Erdkugel
d)
Wem nützt es? Wem schadet es?
e)
 ?  ?

Nachtrag

Ich fand die Diskussion am 28.08. sehr interessant, auch wenn sie nur an der Oberfläche des offensichtlich sehr verzweigten Themas "Fortschritt" kratzte. Ich nehme für mich mit, dass Fortschritt wohl zunächst etwas mit "fortschreiten" zu tun hat, mit stets ambivalenter (ich sagte "janusköpfiger") Wirkung.

Gar nicht tangiert haben wir das Thema "Wie geht Fortschritt?", denn er hat ja offensichtlich eine sehr normative Wirkung. Jedenfalls sind alle Produzenten angehalten, nach dem "Stand der Technik" zu arbeiten (das englische "state of the art" - Stand der Kunst - bringt da noch eine andere Note rein) und neben gesetzlichen Grundlagen muss dies in einem Vertrag nicht extra vereinbart werden. Der Arzt ist genauso gehalten wie der Mechaniker, diesen "Stand der Kunst" einzuhalten und kann anderenfalls sogar strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden.

Ich fände es interessant, noch eine Weile an dem Thema dranzubleiben und nicht - wie bisher bei den Denktankstellen üblich - unvermittelt zum nächsten zu hopsen.

Viele Grüße, Hans-Gert --hgg 29. Aug 2008


Siehe auch - von Benutzer:HGG:

Bemerkungen von Johannes

(3.9.2008)

Fortschritt ist ein vielverwendeter Begriff in Politik, Wirtschaft, Kultur, Technik, Wissenschaft, auch im Alltag, der allerdings zumeist benutzt wird, als ob es Einvernehmen über eine positive Auslegung gäbe, darüber, dass dieses "Fortschreiten" immer eine menschendienliche Richtung einnehmen würde. Die Häufigkeit seiner Verwendung, die Möglichkeit des Missverstehens und Missbrauchs, aber auch die Potenzen, völlig andere Auffassungen dazu plausibel entwickeln zu können, machen den Begriff zum notwendigen und dankbaren Objekt eines Disputes.

Für die Philosophie ist es ein Schlüsselbegriff, um den sich die jeweiligen pessimistischen, positivistischen, fortschrittsgläubigen, existentialistischen - http://de.wikipedia.org/wiki/Existenzialismus - aufklärerischen, und so weiter, Anschauungen bemühen. Wer über Fortschritt reden will, muss sich vorher einigen, was unter dem Begriff verstanden werden soll. Es muss ihm der positivistische - http://de.wikipedia.org/wiki/Positivismus - Geschmack a priori genommen werden. Das gelingt, wenn "fortschreiten" als lediglich richtungslose und auch bedeutungsneutrale Bewegung aufgefasst wird, was der Kern des Wortes auch aussagt.

Und mensch wird feststellen, dass diese neutralisierende Säuberung nicht funktioniert, da mit seiner Reduktion auf Bewegung ihm der eigentliche Gegenstand des Streites genommen würde. Und er wird entdecken, dass mit dem Fortschrittsbegriff neben dem Banalen auch höchst existenzielle Fragen verbunden sind, auf die mensch sich einlassen muss. Woher kommen wir? wohin gehen wir? warum gehen wir? Alle diese Elemente des "Fortschreitens" sind nicht ohne vorheriges Inkaufnehmen einer Vermutung erkenn- und diskutierbar.

"Fortschritt" in diesem Sinne wird begreifbar, wenn auch immer das Gegenteil mit gedacht und für möglich gehalten wird. Diese Unsicherheit führt dazu, seine "Janusköpfigkeit" zu erkennen und nach dem Sinn von Fortschritt zu fragen.

Es ist notwendig, Kriterien zu finden, die eine Beurteilung von "Fortschritt" ermöglichen. Diese Kriterien können nur vom Individium und seiner Gesellschaft abgeleitet werden und sich auf diese beziehen. Der Satz aus dem "Kommunistischen Manifest", wonach die Entwicklung eines jeden Einzelnen die Voraussetzung zur Entwicklung aller sei - anders ausgedrückt: Fortschritt für einen Einzelnen ist nur möglich im Verbund mit dem Fortschritt aller und umgekehrt - weist darauf hin, dass es bei der Suche nach Kriterien um gesellschaftliche und individuelle Kategorien geht. Vielleicht taugt deshalb die Frage: "Sage mir, ob du dadurch glücklicher geworden bist und das nicht auf Kosten anderer und ich sage dir, ob es sich um echten Fortschritt handelt" ganz gut dazu, um Kriterien zu finden und zu formulieren (auch wenn es ein bisschen nach philosophischem Kitsch müffelt).

Diese Präferierung des Individuums gegenüber der Gesellschaft als Maß aller Dinge, diese Anerkennung höchst individueller irrationaler Elemente und Befindlichkeiten im Wertekanon sind notwendig, da eine Gesellschaft diese Aussagen nicht treffen kann. Sie werden ihr höchstens per Ideologie von ihren jeweiligen Bestimmern zugemessen, was wir ja im Übermaß Genossen haben. (Fehlerhafte Großschreibung wurde als "Freudscher Fehler" akzeptiert und deshalb belassen)

Die Verführung ist groß, mit diesem Anflug einer Beurteilbarkeit von Fortschritt, konkrete Beispielen zu betrachten:

Beschleunigung: Jede Minderung eines bisher notwendigen Zeitaufwandes zur Erreichung eines Zieles wird als Fortschritt gefeiert. Diesem Unsinn liegt eine Weltsicht zugrunde, die davon ausgeht, dass wir irgenwo irgendwann an einem wunderbaren Ort ankommen müssen, und weil es dort so wunderbar ist, zählt jede Minute. Beschleunigung ist alles andere als ein menschenfreundliches und -dienliches Ziel, im Gegenteil. Erhöhter Ressourcenverbrauch auf Kosten anderer, Minderung von Lebensqualitäten usw. sind zumeist die Folgen. Es ist kein Zufall, dass dieser Fortschrittsbegriff besonders in den Focus geraten ist und durch Entschleunigungsbewegungen kontakariert wird. http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Kafka und http://de.wikipedia.org/wiki/Entschleunigung

Im Grunde ist der Beschleunigungswahn nur Teil der aus der Kontrolle geradenen kapitalistischen Eigendynamik, wonach der Langsamere am Ende auf der Strecke bleibt. Damit, liebe geduldige Leser dieser Zeilen, soll es genug sein. Auf weitere spannende Diskussionen bei unseren Attac-DTS.

Noch ein kleiner Aphorismus gefällig, der m.E. passt, auch wenn er von mir erfunden wurde: "die Intoleranten sorgen dafür, dass sich etwas bewegt, die Toleranten, dass das einen Sinn macht."

Es grüßt mit einem Augenzwinken,
die Linken und nicht ganz so Linken,
Johannes,
der sich freuen täte,
auf Widerspruch und Gegenrede.