APRIL.2006-08-08

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Süddeutsche Zeitung 08.08.06 (S. 17):

Privater Nahverkehr - Als erste Großstadt trennt sich Pforzheim von seinen Verkehrsbetrieben

Französischer Investor mit zweifelhafter Reputation


Von Michael Kläsgen

Veolia Verkehr heißt das Unternehmen, das erstmals in Deutschland den Nahverkher in einer Großstadt regeln darf. In Stockholm betreibt die Nummer eins unter den privaten Transportunternehmen in Europa schon die Metro. In Frankreich ist Veolia (ehemals Connex) mit Bus und Bahn in Städten wie Marseille und Bordeaux vertreten, nicht immer zur Zufriedenheit der Kunden. In Nancy entgleiste eine Bahn, der Verkehr wurde mehrfach unterbrochen. Auch in Caen lief zeitweise nichts mehr. In Toulouse stießen zwei Züge zusammen. In Bordeaux machte die Isolierung Ärger. Auch Connex Deutschland eilt nicht der beste Ruf voraus. Das gilt zumindest im Bahnverkehr, allerdings auch, weil die Deutsche Bahn dem privaten Anbieter häufig abgelegene und wirtschaftlich schwierige Strecken überließ.

Wenn Pforzheim mit seinen 80 Bussen und 251 Mitarbeitern nun zum Exempel in Deutschland und zum Durchbruch für das französische Unternehmen werden soll, wie es heißt, dann hat das vor allem damit zu tun, dass der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) in Deutschland zu weniger als zehn Prozent privatisiert ist. Unternehmen wie Veolia, einer von drei privaten Anbietern in Frankreich, die wegen Preisabsprachen vor kurzem verurteilt wurden, und die britische Arriva spielen deswegen mit vollem Einsatz, wenn mal ein größerer Brocken in Deutschland zu holen ist. Es geht schließlich um einen Markt, Busse und Bahnen inklusive, in der Größe von schätzungsweise 13 Milliarden Euro. Und der öffnet sich. Immer mehr Städte, große wie kleine, liebäugeln mit der Privatisierung, denn die kommunalen Verkehrsbetriebe sind meist defizitär und kosten die Kommunen nur Geld.

In Frankreich wuchs Veolia, weil dort die Privatisierung in den stets klammen Provinzstädten weit vorangeschritten ist. Der städtische Busverkehr wird seit langem öffentlich ausgeschrieben, was nicht selten - wie zuletzt in Marseille - zu wochenlangen Streiks führt. Selten haben die Proteste Erfolg. Seine Größe konnte Veolia gegenüber der deutschen Konkurrenz nun ausspielen. Der Mischkonzern mitsamt des Wasserbetriebs (ehemals Générale des Eaux) macht weltweit 4,35 Milliarden Euro Umsatz, weshalb die Franzosen der Stadt Pforzheim mehr Garantien geben konnten. Der vom Medienkonzern Vivendi abgespaltene Konzern versicherte als Einziger, den Betrieb in der 120 000- Einwohner-Stadt auch in schwierigen Zeiten aufrechtzuerhalten. Jobgarantien bis 2013, keine betriebsbedingten Kündigungen, Festhalten am Tarifvertrag - all das hatten auch die anderen geboten, sonst hätte Pforzheim den öffentlichen Personennahverkehr nicht zu 51 Prozent verkauft.

Entlassen wird also vorerst niemand, wie die lautstarke Bürgerinitiative "Busse weiter in Bürgerhand" fürchtete. Wird alles teurer und der Service schlechter? Zumindest beim Angebot darf die Stadt weiter mitreden. Auch das war eine Bedingung. Und wenn Pforzheim für Veolia zum Durchbruch werden soll, wird sich der Konzern davor hüten, die ihm gebotene Chance leichtfertig zu verspielen und die Preise gleich zu erhöhen. Ein noch schlechteres Image kann sich Veolia nicht leisten. Das Unternehmen darf sich jetzt beweisen und den Musterschüler spielen. Beim Wasser hat das schon in vielen Städten, einschließlich Berlin, geklappt. Es muss nicht so enden wie in Nancy, Toulouse und Caen. Ein kleiner Durchbruch ist zumeindest geschafft, weil sich mit dem Busverkehr in einer Stadt wie Pforzheim endlich auch Geld verdienen lässt."