WAK:2007-03-28

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Richtiges Leben im falschen?
Wie alternative Lebensweisen und -projekte zu einer besseren Welt beitragen können.
Vortrag und Diskussion von und mit Wolfram Nolte (Soziologe und Publizist) und Gabi Bott (Trainerin für Tiefenökologie)
Veranstaltung in der Reihe "Mittwochsattacke" von Attac Leipzig.
28. März 2007, 18:00 Uhr, Schaubühne Lindenfels, Karl- Heine-Straße 50.

Ankündigung

Politisches Engagement ist nur sinnvoll und Veränderungen sind nur möglich, wenn sich die menschlichen Beziehungen und die Einstellungen zur natürlichen Mitwelt grundlegend verändern.

Mit mehreren Jahren Leben im Ökodorf Sieben Linden in Sachsen-Anhalt und intensiver theoretischer Durchdringung kennen die Referenten die Möglichkeiten aber auch Schwierigkeiten alternativer Projekte.

Bericht

...und wir saßen im Kreis

Alternative Lebensweisen und -projekte diskutiert im Lindenfels

Viele kamen in den Grünen Salon der Schaubühne, um etwas über Auswege und Projekte aus den gewohnten Lebenswelten zu hören und zu diskutieren. Die Geburtsjahrgänge waren dabei gut durchmischt und die Lebensspanne reichte von grob geschätzt 17 bis 70. Eingeladen hatte attac Leipzig. Die beiden Referenten reisten aus Sachsen-Anhalt an: der Soziologe und Publizist Wolfram Nolte und die Ökologin Gabi Bott. Ihre Wohnadresse ist dort das inzwischen deutschlandweit bekannte Ökodorf Sieben Linden. Beide im besten Lebensalter zwischen 40 und 50, studiert und auf der Suche nach Lebensalternativen. Ihr Botschaft war schnell auf den Nenner gebracht: Politisches Engagement ist nur sinnvoll und Veränderungen sind nur möglich, wenn die menschlichen Beziehungen und die Einstellungen zur natürlichen Mitwelt sich grundlegend verändern.

Beide leben das mit inzwischen gut einhundert Leuten in Sachsen- Anhalt. Und da klang es teilweise schon sehr lebenseinschneidend, wenn man fast ohne Strom und die üblichen Stadtgewohnheiten wie eigenes Auto und Fernheizung über das Jahr kommen muss. Auch für die Toilette gibt es in Sieben Linden wassersparende Varianten. Man kauft nicht im Supermarkt, dort gibt es sowieso keinen, sondern baut Lebensmittel und Früchte selbst an. Ihr Ausstieg aus der geldbestimmten Gesellschaft vollzog sich vor Jahren und ihr interessanter Vortrag mit Lichtbildern hatte wahrlich nicht den Anschein einer spinnerten Ökosekte. Nein, da machen sich immer mehr Leute Gedanken, weil sie ein Gespür dafür bekommen, dass die kapitalistische Industriegesellschaft, wenn es so weiter geht, langsam aber sicher vor den Baum fährt. Das gilt nicht nur für die ökologischen sondern auch besonders für die sozialen Beziehungen.

Sieben Linden ist nicht als riesige Wohngemeinschaft zu verstehen. Wer es öfter mal ganz individuell braucht, dem bieten sich da auch zahlreiche Möglichkeiten. Aber: Ein Verantwortungsgefühl für den Nachbarn und die Gemeinschaft sollte schon vorherrschen. Das wird auch gelebt, beim gemeinsamen Häuserbauen, beim Bestellen der Felder und beim Bearbeiten der Wälder. Eingeschlossen das Reduzieren und der Verzicht auf überflüssigen Luxus. Den 100 Einwohnern stehen da nur (!) sechs Autos für Besorgungsfahrten zur Verfügung.

Dass ihre Lebensart nicht sofort als Alternative für ein ganzes Land zu sehen ist, wurde in der erfrischenden und lebendigen Diskussion mit den zahlreichen Zuhörern sehr schnell klar. Die sich übrigens nicht im Kreis drehte, obwohl wir im Kreis saßen. Man kann einen Großraum wie Leipzig nicht über Nacht zum Ökodorf verwandeln. Aber: Steinerne Verhältnisse zum Tanzen bringen, das versucht Sieben Linden auf seine Art mit Erfolg und mit zunehmender Ausstrahlung über Sachsen -Anhalt hinaus. Und Kinder werden dort übrigens auch geboren. Der Schulweg ist zwar etwas weit, aber der Waldkindergarten gleich in der Nähe. Und: Junge und Alte leben dort miteinander. Rasch aufgeräumt wurde in der Diskussion auch mit dem Klischee ökologischer Politikferne. Demonstrationen gegen Neonazis, Einmischen in die Diskussionen um Kernkraftwerke, Vorleben sozialerer Verhältnisse ... das sind nur einige der beackerten Politikfelder.

Da der Euro in Sieben Linden auch noch nicht abgeschafft werden konnte, bedeutet das natürlich auch sparsames aber eben ganz anderes Wirtschaften. Es macht schon etwas aus, wenn man für Miete, Wasser und Strom nichts zahlen muss, da in dieser Hinsicht Alternativen gelebt und gesucht werden. Und sollte im Ort jemand unverschuldet in finanzielle Not kommen, dann hilft eine Gemeinschaftskasse, so gut das möglich ist. Tausende Besucher pilgern im Jahr an diesen Tatort, um zu sehen, wie es vielleicht anders geht und erweitern somit den eigenen Erfahrungshorizont . Es gibt natürlich auch die Möglichkeit des Ausstiegs, wenn die Lebensbahn eines Sieben -Lindeners doch noch einmal eine ganz andere Krümmung nehmen sollte. Da trennt man sich nicht im Zorn, sondern die Gemeinschaft versucht den Start so weit das möglich ist zu erleichtern. Der Ort stößt jetzt mit seiner Größe und Einwohnerzahl (annähernd 100) auch an gewisse Grenzen. Man kann nicht grenzenlos expandieren, wenn diese Lebensidee erhalten bleiben soll. Kontakte gibt es übrigens quer durch Europa.

Sollte das alles für Sie wie aus einer anderen Welt klingen, dann zeigt das nur, wie sehr man mitunter schon im üblichen Nachrichten- und Schlagzeilenstrom mitschwimmt. Die attac - Diskussion in der Schaubühne Lindenfels war jedenfalls sehr heutig.

MIZO - (aus Leipzigs Neue 7'2007 http://www.leipzigs-neue.de)