WAK:2006-12-18

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Otto Kirchheimer und Franz Neumann im Kontext der Kritischen Theorie
mit Frank Schale (Chemnitz)
Veranstaltung des AK Kritische Theorie beim StuRa der Uni Leipzig
18. Dezember 2006, 19:00 Uhr, GWZ Beethovenstraße 15, Raum 5.0.15.


Ankündigung

Die Rechtstheoretiker Otto Kirchheimer und Franz Neumann haben jeweils den Zerfall der Weimarer Demokratie und den Nationalsozialismus analysiert. Von Neumann stammt eine der frühesten Gesamtdarstellungen des Nationalsozialismus, der "Behemoth". Mit ihren Positionen hatten beide entscheidenden Anteil an den Diskussionen des emigrierten Instituts für Sozialforschung zum Problem des Faschismus. Dennoch standen sie Zeit ihrer Mitarbeit am Institut in einem eigentümlichen Spannungsverhältnis zu dessen innerem Kern um Marcuse, Horkheimer und Pollock. Frank Schale wird dieses Spannungsverhältnis historisch und theoretisch aufzuhellen suchen und damit auch diesen - besonders in Deutschland - lange vernachlässigten Traditionsstrang der Kritischen Theorie.

Zur Person: Dr. Frank Schale hat soeben die erste Gesamtdarstellung zum Werk von Otto Kirchheimer publiziert. Er ist Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaften an der TU Chemnitz.

Berichte und Kommentare

Hans-Gert Gräbe, 20.12.2006:

Im Vortrag selbst nahm der Referent eine vor allem polit-historische Einordnung des Wirkens der beiden Rechtstheoretiker vor in die nicht einfachen Umstände, welche die Frankfurter Schule auf ihrem Weg durch die verschiedenen Stationen des Exils zu meistern hatte. Dabei wurde deutlich, dass die Dynamik von Differenzen in Auffassungen und Herangehensweisen nicht allein aus deren inhaltlicher Logik, sondern vielmehr durch konkrete Lebensumstände beeinflusst und vielleicht sogar bestimmt war, welche die handelnden Personen ganz wesentlich prägten.

Aus der Diskussion habe ich vor allem zwei Fragen mitgenommen: (1) ob Recht allein aus einer inneren Logik heraus begründet werden kann oder in einen letztlich außerrechtlichen Begründungszusammenhang zu stellen sei, und (2) in welchem Umfang Kritische Theorie überhaupt praktisch sein könne.

Frage (1) habe ich als Laie und Informatiker nicht recht verstanden, da für mich Recht aus einem Codifizierungsprozess realer Regelungsbedürfnisse entsteht, die auch vor der Codifizierung irgendwie geregelt wurden. Wie bei Software auch (die Parallelen hat (Lessig 2000) gut herausgearbeitet) wird man nur dort zu einer Codifizierung schreiten, wo der Fall "genügend oft" eintritt und sich der Aufwand der Codifizierung überhaupt lohnt. Dass dies nicht nur "staatlich verordnet", sondern auch "privat" als Vertragsrecht geschieht - und dort unter der deutlich anderen Perspektive von Schuld- und Verantwortungsfähigkeit des Einzelnen steht - spielte in der Diskussion keine Rolle.

Frage (2) kam als Frage "Welche praktischen/unmittelbar praktischen Ratschläge geben denn nun Adorno/Horkheimer/Kirchheimer/Neumann?" Diese Frage ist nicht neu und natürlich nur eine Variation von Adornos Frage: "Gibt es ein richtiges Leben im falschen?" und Blochs Antwort: "Wir haben gar keine andere Wahl, als es zu versuchen". Der Weg aus dem "falschen" Leben ins "richtige" ist offensichtlich so konkret und individuell von seinem Startpunkt im Heute abhängig, dass sich selbst die Frage nach Handlungsanleitungen verbietet und sich jede(r) selbst auf den Weg begeben muss. Wobei wir uns - nach meinem Verständnis - dabei mit Geduld und Großzügigkeit begleiten sollten. Geduld denen gegenüber, die sich noch nicht auf die Suche begeben haben und Großzügigkeit an den Stellen, wo das Bemühen - aus meist sehr konkreten und irdischen Gründen - erst einmal fehlgeschlagen ist. Theorie kann dabei nicht nur hilfreich sein, wenn sie die richtigen Antworten gibt, sondern auch, wenn sie hilft, die richtigen Fragen zu stellen. "Richtig" selbstverständlich als subjektive Kategorie.