WAK.WG-2008-04-10

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Home WAK.Debatte / WAK.2009-05-13


Diskussionen zum Aufsatz


Von Attac bis zur Linkspartei sind problematische Positionen zur „Finanzkrise“ weit verbreitet. Zur Auseinandersetzung mit ihnen enthält ein Artikel von Horst Schulz („Die Linksverteidiger des Kapitals in der Wirtschaftskrise“) lesenswerte Argumente. Und Denken - im Unterschied zur ermüdenden Redundanz der allenthalben litaneiförmig wiederholten sattsam bekannten Gemeinplätze. Dagegen bietet der Artikel manches Gegengift auf. Schön wäre gewesen, wenn der Text einige Eigentore (betr. Komplexität, Naturzustand u. a.) nicht enthielte. Aber wahrscheinlich gilt: „Nichts gelingt, an dem nicht der Übermut seinen Anteil hat“ (Nietzsche). Oder: „Wer den Stock gerade biegen will, muss ihn überbiegen“ (Lenin). Der Artikel findet sich auf den Seiten www.proletarische-briefe.de und kalaschnikow.net.

Ich zitiere den Anfang des Artikels:

„Heimtückischer Idealismus: Es gibt eine Form der Kritik, die ihren eigentlichen Gegenstand nicht nur schont, sondern glorifiziert - und ihn auf diesem Wege retten will. Martin Luther hat mit seiner Kritik des Ablasshandels die christliche Kirche beschützt und den christlichen Glauben sowieso, denn es war die Zeit der größten Unruhe unter den Gläubigen der Christenheit. Wer sich heute um die Institutionen der bürgerlichen Demokratie verdient machen will, der muss nur den Nachweis führen, dass die Kanzlerin der Würde ihres Amtes nicht recht gewachsen ist. … Wer die Rettung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung im Visier hat, kann im Falle einer verheerenden Krise nichts Besseres tun, als die moralische und fachliche Unfähigkeit ihrer Funktionäre zu beklagen, wenigstens aber deren Fehlleistungen. Wenn der deutsche Bundespräsident Horst Köhler, selbst ein erfolgreicher Karrierist im internationalen Bankenwesen, die aktuelle Ausformung der Finanzmärkte frühzeitig als „Monster“ bezeichnet hat, dann war das eine bemerkenswert kluge Verteidigung des Kapitalismus, weil sie die Missbildung dieser Finanzmärkte nahe legt, ihre Abartigkeit dem Betrachter in den Blick bringt und nicht ihre Notwendigkeit, nicht die innige Abhängigkeit des Leihkapitals vom industriellen Kapital.“

Schönen Gruß

Meinhard Creydt, 26.03.2009 - Beitrag auf der Liste (ot:wak)


Hi Meinhardt!

Schulz' kritik kommt einleitend mit guten, aber sehr allgemeinen argumenten daher. Ein leichter zorn ueberkommt mich dann bei satzen wie:

"Erst wenn die Produktivkräfte der industriellen Arbeit ihren Kapitalcharakter abgestreift haben und damit auch ihren engen Klassencharakter, werden sie sich darstellen als das, was sie ihrer “Natur" nach sind: gesellschaftliche Produktivkräfte. Als gesellschaftliche Produktivkräfte erst wirken sie für die ganze Gesellschaft - und nicht bloß für die herrschenden Klassen mit den notwendigen Folgen von katastrophalen Überproduktionen und Massenelend."

Solche saetze sind meines erachtens in ihrer abstrakten und geradezu sakralen schoenheit einfach nur ...religioese nichtssager, eigentlich gut in eine "protestantische" osterpredigt passend..

Vor 10 tagen hab ich mich, auf einer maroden bank unter einem kakaobaum sitzend, ein wenig zivilisationsmuell zu meinen fuessen und jene bambushuette im blick, die mit offener feuerstelle und einem ziehbrunnen fuer 3 wochen meine wohnung war, in schlechtem englisch mit einem OFW - overseas filipino worker - unterhalten, der mir von seinen jobs in einer kantine in wladiwostok, spater in singapur und sonst noch wasweissichwo erzaehlte und jetzt arbeitslos in seiner huette gleich nebenan lebte. 25 mio filipinos leben als OFW, erzaehlte er mir. Haette ich ihm an dieser stelle sagen sollen: "Erst wenn die Produktivkräfte der industriellen Arbeit ihren Kapitalcharakter abgestreift haben ..."?

Die lebensverhaeltnisse, wie ich sie dort als traeger einer visa-card und auf das technische funktionieren des bankensystems vertrauend angetroffen habe, sind diejenigen der aermeren haelfte der menschheit. Schulz schreibt: "Wenn die unter dem Kapital entwickelten Produktivkräfte jetzt wieder einmal gewaltsam andere Produktionsverhältnisse fordern, dann stellt sich damit erneut die bekannte Alternative mit erbarmungsloser Deutlichkeit: Sozialismus oder Barbarei." Na klar, aber diese frage stellt man sich erst, wenn man sauberes wasser, effiziente herde und begehbare klos hat. "Entweder nehmen die assoziierten Produzenten ihren gesellschaftlichen Produktionsprozess unter ihre Kontrolle, ..." Schoen, aber wie geht das, solange die waesche mit der hand gewaschen wird? Wie assoziert sich der bochumer opel-arbeiter mit einem OFW aus dem 5. bezirk in Tagum City, um "ihren gesellschaftlichen produktionsprozess unter ihre kontrolle" zu bringen?

Bis diese assoziation steht, werden der opelaner ebenso wie der OFW ziemlich oft etwas essen und - pardon - scheissen muessen. Handeln sie nun "verbrecherisch" (Schulz), wenn sie waehrend dessen kapitalistisch erzeugtes gemuese futtern und auf kapitalistisch erzeugten klos ihrer notdurft nachgehen?

Auf Schulz' aufsatz scheint mir durchaus jener satz zuzutreffen, den Ernst Thaelmann an das erstlingswerk Juergen Kuczinskys schrieb: "Zu viel allgemeine krise des kapitals, zuwenig zerbrochene klosettdeckel."

Zum schluss verkuendet Schulz: "Wenn in der Form von Krisen die verborgene Grundlage der kommenden Gesellschaft nach Art eines Naturgesetzes jetzt ihre Forderungen geltend macht, dann wollen selbst Linke die Wirkungen dieses Gesetzes unterdrücken - durch gesetzliche Vorschriften zur Regulierung des Finanzwesens. ... Die Gesetze gegen die Wirtschaftskrise, die etwa DIE LINKE anstrebt, sind daher nicht nur lächerlich, sie geben uns auch Auskunft über die gesellschaftlichen Verhältnisse, die dieser Verein uns zur Verwirklichung seiner Ideale zumutet: Beschränkungen, verschärfte Beschränkungen, Bespitzelungen, Kontrollen, Genehmigungen, Eindämmungen, Transaktionssteuern usw. - also Beschränker, Spitzel, Kontrolleure, Genehmiger, Eindämmer, Steuereintreiber usw. Der bürgerliche Staatsterror als sozialistisches Programm!"

Aber ja doch, lieber herr Westerwelle, alias Schulz! Um dieses argument zu bringen, brauchten Sie doch nicht den umweg ueber ganz linksaussen zu gehen!

"Aber wir haben heutzutage die in den Jahrtausenden erworbenen produktiven Kräfte der Arbeit zur planvollen Einrichtung vernünftiger und reichhaltiger Lebensbedingungen (11). Wer verhindert diese Einrichtung eigentlich?"

Schulz kann leicht eine antwort gegeben werden: Er selbst verhindert diese einrichtung! - Oder was tut er dafuer?

Auf jeden fall weniger als jener international wirkende proletarier, mit dem ich vor 10 tagen unter einem filippinischen kakaobaum sass, und weniger als jeder andere der milliarden von menschen, die, wenn noetig, als arbeiter um den globus ziehen.

Wolf Goehring, 10.04.2009 - Beitrag auf der Liste (ot:wak)