WAK.2008-12-17.Notizen

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Canfora und Jünke - eine neue Stalinismusdebatte. Vortragsnotizen von Florian Krahmer

Quellen/Texte und Voraussetzungen:

Vorbemerkung

Luciano Canfora - Professor für lateinische und griechische Sprache und Literatur in Bari

Im Verlag C.H. Beck sollte sein Buch erscheinen, unter dem deutschen Titel „Eine kurze Geschichte der Demokratie“. Im Juli 2005 erhielt Canfora einen Brief vom Cheflektor des Beck-Verlags, Detlef Felken (DAdZ, S.27), in dem er ihm mitteilte, dass das Buch nicht bei C.H. Beck erscheinen werde. Als angebliche Gründe werden genannt: Historische Fehler und Verharmlosung des Stalinsmus. Angefügt war ein Gutachten von Hans Ulrich Wehler und vier weiteren Wissenschaftlern, deren Namen nie genannt wurden.

Der Vorgang sorgte für Aufregung, auch international. Auf der einen Seite war von Zensur die Rede, anderseits gab es aber auch Zustimmung für die Entscheidung des Beck Verlags (z.B. bei FAZ, SZ etc.). Schließlich erschien Canforas Buch bei Papy Rossa und im Konkret Verlag der Text (DAdZ), in dem Canfora die Vorwürfe des Wehler-Gutachtens widerlegt.

Ein Lehrstück über das Verfälschen von Zitaten

Auf das Wehler-Gutachten bezieht sich auch Jünke in seiner Kritik, deshalb sei hier etwas über die vermeintliche Qualität des Gutachtens, anhand eines Beispiel, gesagt:

„ein Gutachten des streitbaren Historiker Hans-Ulrich Wehler, der bei Canfora historische Fehler, Verdrehungen und schlichte Dummheit ausgemacht und apodiktisch festgestellt hatte“ (C. Jünke: „Luciano Canforas Demokratieverständnis“)

Die meisten angemerkten Fehler beruhen auf Übersetzungsfehlern. Die zu finden und zu korrigieren wäre eigentliche die Aufgabe eines Lektors. Stattdessen wurde das Gutachten verfasst - in Englisch. Darin werden Zitate aus Canforas Buch paraphrasiert, die sich auf die deutsche Übersetzung beziehen. Als Quelle wird aber das italienische Original angegeben (mit Paraphrasierung eine dreifache Verfälschung), ein Beispiel:

„[Franz v.] Papen was not a Member of the Zentrum anymore when he started the activities which led to Hitler's appointment“ (aus dem Gutachten, zitiert nach DAdZ S. 48).

Canfora schrieb: v. Papen sei ein „Exponent der Mitte“ gewesen - daraus wurde in der Übersetzung „Mitglied der Zentrumspartei“ (vgl. DAdZ S. 48ff)

Jünke und seinen „Sechs Thesen zum langen Schatten des Stalinismus“

1. Canfora sei ein „eindeutige[r] Apologet[en] des Stalinismus“ (Jünke)
Als „Belege“ werden gerade einmal 1 ½ Zitate angeführt und der Verweis auf Jünkes Schrift „Luciano Canforas Demokratieverständnis“

„[Für ihn sind Freiheit und Demokratie (C.Jünke)] letzten Endes leere Worthülsen“ (L. Canfora, „Geschichte der Demokratie“, S. 331)

Im Original bei Canfora, geht es um die Frage, ob das postsowjetische Russland unter Jelzin eine Demokratie war. Er kommt zu dem Schluss, dass es sich:

„in Wirklichkeit um eine von den Vereinigten Staaten gelenkte Diktatur“ handelt (Geschichte der Demokratie S. 329)

Auf die Frage, warum es dennoch als ein Demokratie bezeichnet wurde, führt er dann schließlich an:

„Doch zu den wichtigsten Instrumenten der siegreichen 'freien Welt' zählt eben eine perfekt funktionierende Informationsmaschinerie, die die Wirklichkeit schafft, enthüllt oder verschleiert. Eine 'Technik' , die Wirklichkeit zu gestalten, gewiß; aber vielleicht ist gerade solchen Techniken geschuldet, daß 'absolute' und letzten Endes hohle Worthülsen wie Freiheit und Demokratie die Form und den Inhalt angenommen haben, die heute üblich sind.“ (L. Canfora, „Geschichte der Demokratie“, S. 331)

2. Canfora bezeichnet Stalin als einen „guten Realisten“, dies soll reichen um ihm „Philostalinismus“ nachzuweisen.
Georg Fülberth schrieb dazu folgende treffende Bemerkung:

„Guter Realist klingt ebenso lobend wie die Feststellung, Stoiber sei ein guter Katholik“ (Konkret, Januar 2006; vgl. DAdZ S. 64)

Worum es Jünke vielmehr geht, ist der alte Streit zweier Revolutionäre, bei dem natürlich nur einer von beiden das Prädikat „Realist“ erhalten kann:

„Worauf Trotzki nicht nur weise, sondern ausgesprochen realistisch geantwortet hat...“ (C. Jünke, „Luciano Canforas Demokratieverständnis“)

Jünkes Text: „Luciano Canforas Demokratieverständnis“

„das Projekt einer politisch und wirtschaftlich komplexen Gesellschaft, einer 'fortschrittlichen Demokratie' auf der Basis einer neuartigen, fortschrittlichen Verfassung, fähig und willens, radikale 'Strukturreformen' einzuleiten“ (L. Canfora, „Geschichte der Demokratie“, S. 251)

Canfora bewertet in diesem Zitat die neuen Verfassungsvorschläge der Kommunistischen Parteien Italiens und Frankreichs. Für Jünke handelt es sich dabei ihnen jedoch lediglich um „den Kern jener stalinistischen Volksfrontstrategie“ und um ein „Regierungsbündnis von 'Kommunisten' und Teilen des Bürgertums“ (C. Jünke: „Luciano Canforas Demokratieverständnis“)

Jünke kommt zu dem Schluss:

(...) dass sich Canfora „vollständig auf die Logik des historischen Stalinismus eingelassen hat“ (C. Jünke, „Luciano Canforas Demokratieverständnis“)

Wenn man jedoch das oben genannte Zitat von Canfora noch etwas weiter liest, wird eine Fehlinterpretation Jünkes deutlich:

„ ... auf der Basis einer neuartigen, fortschrittlichen Verfassung, fähig und willens, radikale 'Strukturreformen' einzuleiten (Wie sie in England im übrigen von Attlee durchgeführt wurden).“ (L. Canfora, „Geschichte der Demokratie“, S. 251)

Nach der Logik Jünkes war Attlee also ein Stalinist. Für Canfora handelt es sich jedoch kurz nach dem 2. Weltkrieg um eine Phase der Demokratie mit der Durchsetzung neuer Rechte, die jedoch im kalten Krieg teilweise wieder zurückgenommen wurden (vgl. dazu sein Kapitel: Die Demokratie auf dem Rückzug).

Kofler vs. Canfora?

Zum besseren Verständnis seien hier noch einmal die Grundzüge Leo Koflers Theorie der drei Freiheiten wiedergegeben:

1. Freiheit

  • Gegen die feudale/absolutistische Gesellschaftsordnung hat sich eine Bürgerliche Freiheit durchgesetzt,
  • eine individuelle und juristische Freiheit, dies geschah aber nur auf Druck der besitzlosen Klasse und ihrem Streben nach Freiheiten.

2. Freiheit

  • Der zweite historische Abschnitt ist der Kampf für ökonomische und soziale Freiheit, deren erster Erfolg die Russische Revolution war, jedoch mit folgender Einschränkung:
„...zunächst haben objektive Umstände, wie der wirtschaftliche Ruin als Folge von Krieg und Bürgerkrieg, die ökonomische Zurückgebliebenheit Rußlands und die Notwendigkeit, angesichts der Bedrohung von außen aufzurüsten, die Lösung selbst des rein ökonomischen Freiheitsproblems erschwert“ (Leo Kofler; „Über die Freiheit“)
Doch auch in der Folgezeit blieb diese Freiheit nicht vollkommen erfüllt

3. Freiheit

  • Der dritte historische Abschnitt wäre für Kofler eine Verbindung der beiden negativen Freiheiten (negativ heißt: lediglich eine Freiheit von etwas) zu einer dritten, positiven Freiheit, einer Freiheit zu etwas, einer Freiheit zur vollständigen freien Entwicklung der Person.

Jünkes Kritik:

Jünke verwendet für die drei Freiheiten synonymhaft auch die Begriffe Freiheit und Gleichheit und für die dritte Freiheitsform: Solidarität oder Sozialismus (obwohl er auch Sozialismus gleichbedeutend für „realen Sozialismus“ verwendet, das heißt in seinem Sinne Stalinismus) Er unterstellt daher Canfora:

dieser „fühlt sich entsprechend gezwungen, Freiheit und Solidarität zu streichen, um eine Gleichheit zu propagieren, in der natürlich bei näherer Betrachtung einige gleicher sind als gleich.“ (C. Jünke, „Sechs Thesen zum langen Schatten des Stalinismus“)

Für diese Behauptung werden keinerlei Belege angeführt, - bis auf das bereits oben erwähnte Zitat von den “hohle[n] Worthülsen wie Freiheit und Demokratie“.

Damit wird aber keinesfalls eine Absage an Freiheit und Demokratie in ihrer tatsächlichen Ausprägung erteilt. Dies soll auch ein Zitat von Leo Kofler verdeutlichen:

„Die bürgerliche Demokratie ist nur eine Form, hinter deren goldgelbem Aufputz sich die Diktatur der Bourgeoisie verbirgt, jederzeit bereit, offen hervorzubrechen, wenn ein ernster Schritt von der bloß formalen zur sozialen Freiheit hin getan werden soll...“ (Leo Kofler; „Über die Freiheit“)

Canforas Begriff von Demokratie

Tatsächlich verwendet Canfora die Begriffe Freiheit und Gleichheit weitgehend gemeinsam, wo dies angemessen ist, bei den Kapiteln über die Französische Revolution (vgl. Geschichte der Demokratie S.253ff). Dennoch trifft zu, dass für ihn Gleichheit höher zu gewichten ist, aber nicht in dem Sinne, wie es Jünke verstehen möchte, sondern im Sinne einer Gleichheit aller sowohl ökonomisch, als auch einer Gleichheit aller in der individuellen Freiheit.

Dies wird besonders deutlich in Canforas Betrachtung der antiken Sklavenhaltergesellschaft, aber auch seiner Analyse über die Bestrebungen während der Französischen Revolution, die Sklaverei abzuschaffen, wo es eben nicht selbstverständlich war, dass sich die bürgerliche Freiheit für alle ergab.

Canforas Definition von Demokratie:

„Weil die Demokratie kein Verfassungstyp ist, kann sie in den unterschiedlichsten politischkonstitutionellen Formen herrschen, teilweise herrschen, gar nicht herrschen oder sich wieder zur Geltung bringen.“ (L. Canfora, „Geschichte der Demokratie“, S.356)
„Demokratie [...] ist eine instabile Größe: Sie ist die (zeitweilige) Vorherrschaft der besitzlosen Klassen in einem unablässigen Kampf um Gleichheit - ein Begriff, der sich seinerseits historisch erweitert und stets neue und hart umkämpfte 'Rechte' beinhaltet.“ (L.Canfora, „Geschichte der Demokratie“ S.325).

Unterschied zu Kofler

  • Kofler glaubt an ein Erreichen des Ziels, der Vollendung der Demokratie (Dritte Freiheit).
  • Canfora glaubt, Demokratie sei nur ein vorübergehender Zustand, weil bei dessen Erreichen automatisch neue Vorstellungen von Rechten entstehen, die eingefordert würden.

Der ständige Prozess der Demokratisierung ist jedoch das eigentlich Wichtige und zur Entwicklung hin Führende.

Verdeutlicht an einer Parabel von Gaetano Mosca:

Die „Parabel vom Vater, 'der auf dem Sterbebett seinen Söhnen ein Geheimnis anvertraute: auf dem Acker der Familie liege ein Schatz vergraben. Das lässt diese (Anm.: die Familie) jede Scholle umgraben. Sie finden zwar keinen Schatz, aber die Fruchtbarkeit des Bodens wird erheblich gesteigert'.“ (L. Canfora, „Geschichte der Demokratie“, S.325)

Jünkes Verständnis über „Neostalinismus“, von ihm dargelegt in (Jünke)

Unterscheidung zwischen Historischem Stalinismus und Strukturellem Stalinismus, der in der politischen Praxis auch heute noch Anwendung finden kann. Jedoch zeichnet sich für ihn ein Philo- oder Neostalinist hauptsächlich dadurch aus, dass er den historischen Stalinismus verharmlost, beschönigt, oder sich auf ihn bezieht. Jünke gibt damit der strukturellen Form des Stalinismus eine zu geringe Bedeutung, da dieser auch vollkommen ohne eine Verharmlosung des historischen Stalinismus vorkommen kann, ja sogar in der Lage ist, sich von diesem vehement abzugrenzen.

Das sei an zwei Beispielen verdeutlicht:

„Im Angesicht [...] einer im bürgerlich-liberalen Geist vorgetragenen Stalinismuskritik von Seiten der gewendeten PDS, [...] formiert sich ein Teil der deutschen Restlinken, gleichsam als 'Kraft der Negation', neu und meint, den ehemals realen Sozialismus [...] verteidigen zu müssen.“ (C.Jünke, „Ein bisschen Demokratie, viel Oligarchie - Luciano Canfora, die europäische Demokratie und die deutsche Linke“)

Das legt nahe, die PDS - und das müsste auf die PDL in noch entscheidenderem Maße zutreffen - als eine vom Stalinismus geläuterte Partei betrachten zu können. Christel Wegner ist demnach eine gefährliche Stalinistin, und der Umgang mit ihr als legitime Enttarnung und antistalinistisch zu bewerten. Auch dem Fall Meurer in Leipzig würde nichts Stalinistisches anhaften, denn alle die Protagonisten, die zu seiner politischen Beseitigung beigetragen haben, würden sich sofort vom historischen Stalinismus distanzieren, was sie ja in praktischer Weise auch verlautbaren (lassen).

Mögliche Inhalte einer zukünftigen Debatte über Neostalinismus

  • Es ist wichtig, weg zu kommen von stereotypen Vorstellungen über Stalinisten.
  • Es ist überdies wichtig, sich mit den soziologischen Mechanismen des Stalinismus zu beschäftigen, und wenn diese analysiert sind, sie zu untersuchen, inwieweit sie sich in ein kapitalistisches System übertragen und transformieren ließen.

Dabei wären wichtige Fragen zu stellen:

  • Kann ein Mensch allein für sich ein Stalinist sein oder funktioniert dies nur in sozialer Interaktion?
  • Wie funktioniert (stalinistische[r]) Zensur und Terror, übertragen in ein kapitalistisches System?
  • Welche Rolle spielt der stalinistische Führer-/ bzw. Personenkult?

Florian Krahmer, 17.12.2008