Diskussion:WAK.2008-01-09

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Lieber Hans-Gert,

vielen Dank für Deine "Nachbemerkungen" - insbesondere die ersten 2 1/2 Absätze.

Nun jedoch zu einzelnen Punkten:

1. Ich kritisiere ja entschieden gerade jene "linken Kreise" die sich(nur?) auf Gesamtdokumente kaprizieren.

2. Natürlich gibt es ein "richtiges Leben im falschen". Ein Beispiel: die ganze Aufklärung ist im Schoße des Feudalismus gewachsen.

3. Natürlich hat uns diese Gesellschaft in gewissem Sinne assimiliert. Alle(!!) unsere Selbstverständlichkeiten von den frischen Brötchen am Morgen über das warme Wasser aus der Wand usw.usf. beruhen darauf, dass gewisse Mechanismen incl. der involvierten Menschen verlässlich "funktionieren". Jegliche generelle, unspezifische Ablehnung von "Mechanismen" ist absurd.

4. In diesem Punkt fühle ich mich überhaupt nicht "recht verstanden": In den ersten 60 Seiten formulieren meine Erdmännchen die radikalste Kapitalismuskritik, indem sie wirklich an die Wurzeln gehen! Bitte überprüfen!

5. Ich meine schon, dass die Gegenkräfte mit meiner Konsenskultur wesentlich besser "dieser Gesellschaft beikommen" können als bisher.

Aber das eigentlich entscheidende ist doch, dass wir eine glaubhafte Alternative zur bürgerlichen Konsenskultur bieten müssen, wenn wir mit der ganzen Gesellschaft "aus dem Kapitalismus heraus" wollen.

Wie dramatisch das ist, zeigen die Dokumentationen über die stalinsche Konsensbildung: wer Kritik oder nur Bedenklichkeiten äußerte, wurde liquidiert. Was hat die Linke sonst noch an eigener politischer Kultur zu bieten? Anarchie - mit allegorisch verklärter Verantwortung und aufgekündigter Verlässlichkeit?? Ist nicht bisher die linke Politkultur bestenfalls(!?) eine Kopie der bürgerlichen Politkultur? Wobei man in der linken Praxis dann doch allzuoft gerade schlechte bürgerliche Politkultur und sogar stalinistische Anklänge antrifft.

6. Ein "geistig-lebendiger Kosmos" kann vielleicht die Grenzen einer allzu engen mechanistischen Weltbeschreibung aufheben. Aber "materialistisch" bedeutete für mich immer Realitätssinn im weitesten Sinne (also z.B. incl. aller Ungewissheiten und Gedanken), und "geistig" hat mir zu sehr den Geruch von Ignoranz gegenüber dieser Realität. Und: Entstehen denn nicht die Unzulänglichkeiten(!!) unserer Zeit gerade dadurch, dass die Akteure der "geistigen Welt" (Philosophen, Künstler, Politiker) mit der Entwicklung der materiellen Welt nicht Schritt gehalten haben?? Dass diese Akteure der skrupellosen Nutzung hilflos gegenüber stehen, statt die neuen Möglichkeiten selbst zu nutzen?

Langer Rede kurzer Sinn: Die von Dir zitierte Gegenüberstellung des VDW ist m.E. nicht disputfähig.

7. Der Unterstellung, dass mein Konsensmodell "ein technizistisches ist und auf Mechanismen mehr Wert legt als auf Inhalte", widerspreche ich mit aller Entschiedenheit. Ganz im Gegenteil: Mein Konsensmodell ist der Versuch (zwischen Verzweiflung und Hoffnung), den so dringend wichtigen Inhalten zu Wirksamkeit zu verhelfen.

8. Das sind ja gerade meine Ausgangsfragen: Wie kann denn dieses "ausfechten" geschehen?? Wie kann denn die "andere Gesellschaft" zu Stande kommen?? Wer bricht auf, und wie, und in welche Richtung??

9. Ist der Schlusssatz "... das Wie schon heute zu detailliert vorwegnehmen zu wollen!" gegen meine Konsenskiste gerichtet?? Ich sehe mich eher wie ein Lösungssuchender, der ein Grundprinzip in archaischer Urwüchsigkeit gebastelt hat, das in unterschiedlichsten Formen realisiert und hilfreich werden kann...

Einige Deiner Aussagen finde ich also dermaßen unzutreffend, dass eine öffentliche Diskussion darüber meinem Konsensstreben entgegensteht. Mir wäre es lieber gewesen, dass wir unseren Disput erstmal unter uns auf das wesentliche reduziert hätten. Nur auf Deinen ausdrücklichen Wunsch gehe ich hiermit "unabgestimmt" in die Öffentlichkeit.

Natürlich ist dies ein Diskussionsbeitrag, zu dem Beiträge erwünscht sind. Für Änderungen oder Löschungen hätte ich allerdings kein Verständnis.

Wolfgang Schallehn 16.1.2008